21. März 2018 simplyjulia 0Comment

Seine Hand glitt langsam über ihre Schulter und verließ dann ihren Körper. Da war diese Leere zwischen ihnen, obwohl sie sich noch gegenüberstanden. Gänsehaut. Ihre Augen waren nun die einzige Verbindung, die noch zwischen ihnen bestand. Traurige Blicke, die sich zwischen ihnen trafen. Ein Schauer. So viel Leere und eine lange Zeit lag vor ihnen. Eine heiße Träne kullerte über ihre gefrorene Wange und er setzte noch einmal zu seiner letzten Berührung an. Sanft wischte er die Träne mit seinem Daumen weg, hielt sie sanft am Nacken, zog sie leicht zu sich und küsste sie zärtlich mit leicht geöffnetem Mund. Sie erwiderte. Ein erneuter Schauer durchfuhr sie, dieses Mal ein warmer.

Sie schloss die Augen und versuchte sich das Gefühl so gut wie möglich zu merken, damit sie es abrufen konnte, wenn er weg war. Ihre Körper pressten sich aneinander und sie fühlten sich, als wären sie eins. Dann hieß es loslassen. Mehr Raum, mehr Leere und mehr Zeit zwischen sich zu lassen. Für sie war es schwer. Für ihn auch. Aber nicht so sehr wie für sie. Angst. Angst vor dem Alleinsein. Allein gelassen werden. Angst vor der Konfrontation mit sich selbst.

Er lächelte noch ein letztes Mal, dann ging er. Und sie sah ihm lange nach. Er drehte sich  auch um, wie sie es hoffte, und sie musste ebenfalls lächeln. Glück und Trauer lagen immer nah beieinander. Die Zeit zusammen war schön, war sie immer. Und wenn sie sich nicht gehen lassen würden, wäre die Freude des Wiedersehens nicht so überwältigend. Es war schwer. Emotional. Ein auf und ab.

Warum es so war, wusste keiner. Aber dass es so sein musste, war klar. Zumindest wurde es so akzeptiert. Von beiden Seiten. Das war stark. Und machte sie stark bis zum nächsten Mal auszuhalten. Zu warten. Vorfreude. Etwas, was die Wartezeit immer ein kleines bisschen schrumpfen ließ. Warum sie sich mit sich selbst beschäftigen sollte, war ihr am wenigsten klar. Oder es war ihr klar und sie wollte es nicht. Sie war immer für andere da und vergaß sich oft selbst dabei. Andere waren sehr glücklich damit, sie dafür immer weniger.

Sie stieg in den Bus und schluckte. Die trockene Luft hier schien sie zu erdrücken. Sie setzte sich ans Fenster, ihren Lieblingsplatz, um ihn noch einmal sehen zu können. Jetzt. Warten. Aushalten. Tief atmen. Sich selbst spüren. Je länger sie sich auf ihren Atem konzentrierte, desto ruhiger wurde er. Sie legte die Jacke ab und suchte sich eine bequeme Sitzposition aus. So ließ es sich aushalten. Es musste nur gemütlich sein. Und warm. Und je mehr sie darüber nachdachte, desto klarer wurde es ihr.

Sie war selbst dafür verantwortlich, wie gerne sie sich mit sich selbst beschäftigte. Wie viel sie dafür tun wollte, um es ihr selbst leichter zu machen. Sie begann zu begreifen, dass es so sein musste. Dabei rutschte sie tiefer in den gemütlichen Stoffsitz, legte die kuschelige Jacke über ihre Beine und ihren Kopf auf den Schal.

Warum nur war es so schwer sich selbst genauso viel Aufmerksamkeit zu schenken, wie ihrem Liebsten? Noch einmal blickte sie aus dem Fenster. Er war natürlich schon lange weg. Sie wusste es. Aber sie schaute trotzdem. Und wieder musste sie sich daran erinnern, dass sie nun eine andere Aufgabe hatte. Die Konfrontation mit sich selbst. Warten. Aushalten.

Und eine Aufgabe für sich zu finden. Sie grübelte. Was könnte das sein? Was kann ich gut? Wer bin ich überhaupt? Fragen, die sie sich schon ein Leben lang stellte und nicht beantworten konnte. Das Alleinsein zwingt sie dazu, darüber nachzudenken. Und je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr merkte sie, dass sie sich damit entgegenkam und verstand sich selbst besser und besser. Ja, sie muss sogar kurz lächeln. Dann machte sie einfach weiter.

Warten. Aushalten. Sich mit sich selbst konfrontieren. Fragen stellen.

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