23. März 2018 simplyjulia 0Comment

Plötzlich alles aus einem neuen Blickwinkel sehen. Von oben herab. 114 Meter über der Norm. Ich blicke voraus. Vor mir die 400 Meter lange stählerne Hängebrücke aus dem Guinnessbuch der Rekorde. Wir setzen langsam einen Fuß vor den anderen. Gemeinsam. Schwebend auf einem Gitter. Wir beide Hand in Hand mit zittrigen Knien.

Was für Dinge einem plötzlich durch den Kopf gehen. Wir unterhalten uns über Versicherungen und Rettungshubschrauber und Klammern uns aneinander fest, obwohl wir wissen, dass hier seit Jahren täglich zahlreiche Touristen rübergehen und die Brücke absolut sicher ist. Der beste Beweis dafür, dass der Kopf absolute Macht über unsere Körper besitzt. Würde sich die Brücke 10 Zentimeter über dem Erdboden befinden, könnten wir die 400 Meter hinüber rennen und es würde uns nicht im Geringsten was ausmachen. Aber mit den Gedanken kommt die Angst.

Ich fixiere einen Punkt vor mir und konzentriere mich darauf beim Gehen. Als würde ich einem Ziel entgegenschreiten. Das erste Drittel ist erreicht! Nicht zu langsam, nicht zu schnell. Die Brücke schwankt und unsere Stimmung auch. Mal pures Glück dank Adrenalin, dann wieder ein panischer Schrei, wenn unser zu euphorischer Schritt die Brücke ins Wanken bringt. Die atemberaubende Aussicht kann ich, dank meines fixierten Punktes geradeaus, leider noch nicht genießen, weil sie mir sonst wortwörtlich den Atem geraubt hätte. Wir sind in der Mitte angekommen.

Hier kann man schon mal ein paar Fotos für Instagram machen. Immerhin müssen wir dieses mutige Erlebnis unbedingt für die Nachwelt festhalten. Klick. Klick. Unser Lächeln für die Fotos vertuscht unseren mit Panik erfüllten Blick erstaunlich gut. Man könnte meinen, es ist ein Kinderspiel. „Schnell, gibt mir deine Hand wieder“! Und weiter geht’s. Immer geradeaus. Langsam entsteht ein klitzekleines Gefühl von Sicherheit. Mist, ich hab zur Seite gesehen, kurz wird mir ganz komisch, dann fixiere ich wieder den Punkt geradeaus. Er hält mich in meiner Bahn, wie ein echtes Ziel im Leben, was wir anstreben.

Nach 10 Minuten sind wir drüben. Was für ein Erlebnis! Erleichterung und Durchatmen. Ich bin für einen kurzen Moment ein wahnsinnig stolzer Mensch, bis zum nächsten Moment, in dem wir feststellen, dass auf dieser Seite der Brücke sämtliche Wege ins Tal wegen der winterlichen Schneeverhältnisse gesperrt sind. Das bedeutet, wir müssen noch einmal über die Brücke zurück. Ich schlucke. Augen zu und durch. Aber vorher endlich die tolle Aussicht genießen!

Ich dachte der Rückweg über die Brücke wird leichter. Falsch gedacht! Es ist anders, aber leichter keinesfalls. Kurz vor Schluss scheint es noch einmal unüberwindbar. Die Brücke schwankt, der Blick in die Tiefe ist frei und mein Schwindel kehrt zurück. Aber wenn ich schon so weit gekommen bin, schaffe ich den kleinen Rest auf jeden Fall. Das ist meine Motivation für die letzten Schritte und plötzlich fällt es wieder leichter. Stolz, der mich bereits erfüllt.

Der letzte Schritt. Eine erleichterte Umarmung. Bewusst leben!

Und Situationen wie diese zeigen mir wieder, wie wichtig es doch ist, dass wir uns im Leben nicht zu viele Gedanken machen, weil wir uns damit selbst im Weg stehen und uns damit die Chance verbauen, unsere Ziele zu erreichen. Einfach weitergehen, das Ziel fest in den Augen, fokussiert bleiben. Mal stehen bleiben, die Aussicht genießen, innehalten, zweifeln, Angst haben, zögern, zurückblicken, alles erlaubt, nur nicht zu lange.

Hauptsache man geht trotzdem immer weiter – dem Ziel entgegen.

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